Yakuza-eiga: Ein kleiner Abstecher in das Genre

Der Yakuza-Film ist eines der beständigsten und wandlungsfähigsten Genres Japans, wird hierzulande aber gerne als Schund betrachtet. Dieser Essay soll eine kleine Einführung in ein faszinierendes Filmgenre geben…

Wer sich mit dem Thema Genre auseinandersetzt, merkt eines besonders schnell: Es ist einfach, ein Genre zu erkennen und einzuordnen, es ist aber fast unmöglich, die Gründe dafür zu benennen. Auch hier wäre es zu kurz gefasst, die pure Anwesenheit von Yakuza als Abgrenzung des Genres anzusehen. Vielmehr sind die Yakuza-eiga (eiga: jap. für Film) eine spezielle Form von Gangsterfilmen, bei denen die Rolle der Yakuza einem genauen Muster folgen muss. Dabei unterscheidet sich der Film-Yakuza deutlich von seinem realen Vorbild. Die Filmfigur lebt in einem eigenen, ehrenhaften Kodex, die Gewalttätigkeit und die grundlegende negativ zu bewertenden Geschäfte geraten dabei in den Hintergrund, sie sind quasi nicht von Belang. So zumindest ist es zu Anfang der Entwicklung des Genres.

Das Verhältnis des Protagonisten zu seiner Familie ist der Kern zum Verständnis des Yakuza-Films. Der Kodex verlangt absoluten Gehorsam zu den Oberen. Besonders das Verhältnis zum oyabun, dem Vater oder Chef der Gruppe, wird im Film häufig intensiv dargestellt. Ihm ist der Yakuza ausgeliefert, er entscheidet über das Schicksal der Gruppe und des Einzelnen zugleich. Dementsprechend hängt die Ehre des Protagonisten selten an seinen eigenen Entscheidungen, sondern ist eng mit der seiner Bosse oder der Familie verbunden. Hier entsteht der wichtigste Konflikt und das typisch japanische Erzählmuster des Yakuza-Films.

Denn diese Verpflichtung gegenüber der Gruppe, aber auch das Aufrechterhalten des Ehrenkodex für die Familie ist im Japanischen mit dem Wort giri: verbunden. Giri ist die Grundlage jeder Form von Ehre, es ist die Verpflichtung des Einzelnen für das Gesamte, es ist die Ehre des Einzelnen, dem Ganzen anzugehören und dieses mit zu tragen. Ein filmischer Yakuza wird niemals nur für sich denken, sondern immer wieder an die Konsequenzen seiner Familie denken. Dies nutzen die Yakuza-Filme weidlich aus. Denn sie stellen den Protagonisten vor ein Dilemma: den Widerspruch seiner eigenen Gefühle, Werte und Nöte (jap.: ninjo) zu seinen Verpflichtungen.

Formen des Yakuzas

Dieser grundlegende Konflikt verbindet das Genre auch mit seinem großen Bruder, dem Samurai-Film. In Letzterem ist das giri an die feudalen Gesetze und, vor allem im Falle der herrenlosen ronin, die selbst schon ihre grundlegende Ehre durch den Tod ihres Herren verloren haben, die moralischen Gesetze des Samurai-Code gebunden. Diese Nähe hat die frühen Formen des Yakuza-Films stark beeinflusst. Protagonist war hier ein ehrenwerter Yakuza, der sehr um die Traditionen und die Einhaltung der Moral bedacht war. Dieser, zumeist in einen Kimono als Zeichen des Traditionellen gekleidet, schritt gegen die modern geprägten, häufig mit Insignien des Westlichen ausgezeichneten neuen Yakuza ein, die ihre Verbundenheit zur Bevölkerung vergessen hatten. Der Held vertrat mit seiner radikalen Befolgung des Codex‘ nicht nur seine Familie, sondern das traditionelle Gesellschaftssystem und damit die Nöte der Unterdrückten. Er war ein klassischer Rächer für althergebrachte Werte und das Volk. Dieses Bild sahen die echten Yakuza, sich selbst als Nachfolger der Samurai sehend, gerne filmisch verarbeitetet. Es ist auch die Basis des recht faschistoid wirkenden Selbstbilds der Yakuza-Organisationen.

Doch konnte diese einfache, bei der Bevölkerung in den Jahren des Wiederaufbaus Japans äußerst populäre Form des Yakuza-Films nicht auf ewig Bestand haben. Wie es bei Genres durchaus üblich ist, verschwanden die Filme mit sinkenden Zuschauerzahlen im Nichts. Wieder aufgeweckt wurden sie, wie so häufig, durch eine Umdeutung des Themas.

Im Falle des japanischen Gangster-Daseins ist diese Umdeutung natürlich eng mit dem Konflikt zwischen giri und ninjo verbunden. Der neue Yakuza war ein tragischer Held. Ihm setzte der Konflikt, den der 50er Jahre-Traditionalist noch so gerne rabiat zur Seite wischte, deutlich zu. Die Insignien des Traditionellen wurden dem neuen Helden auch nicht mehr so deutlich zugewiesen. Er selbst war, wie die Yakuza auf der Straße, dank fescher, auffälliger und vor allem teurer Designer-Anzüge erkennbar, folgte zudem dem extrovertierten Gestus des übertrieben die Schultern schwingenden Machos mit grollender Stimme. Zumeist war es sein oyabun, der mit Kimono und Katana als traditionsreicher Familien-Chef ausgestattet war. In diesen Filmen, zumeist in den 60er Jahren gedreht, ging es um die Bewahrung des traditionellen Yakuza-Clans, um die Rettung der Werte, die moralisch über denen eines üblichen Gangsters standen. Die Feinde waren zwar auch die rücksichtslosen, modernen Yakuza, aber im Kern hatte der Held schon längst verstanden, dass sein Weltbild im Niedergang begriffen ist. Allein diese Erkenntnis sorgte für eine romantische Umdeutung, denn das Festhalten an den Werten über das Überleben in der neuen Gesellschaft zu setzen, wirkt ritterlich.

Doch hatte der Held auch mit sich selbst zu kämpfen. Eine unerlaubte und aufgrund seines Daseins als moralisch korrekter Yakuza unmögliche Liebesgeschichte wurde zum Grund-Inventar, wodurch das Konzept des mono no aware in den Yakuza-Film eingebunden wurde. Dieses Konzept ist eine typisch japanische Annäherung an den höchsten emotionalen Zustand der Schönheit: Erst durch die Vergänglichkeit eines Momentes kann dieser den Zustand absoluter Schönheit erreichen. Die Liebesgeschichte des romantischen Yakuzas ist zum Scheitern verurteilt, er musste seine Geliebte verlassen, um ihr Leben zu retten. Entsprechend wurden die wenigen Momente der Zweisamkeit zu absoluten Glücksmomenten umgedeutet. Da in den 60er Jahren im Zuge der auch nach Japan schwappenden nouvelle vague eine extreme Ästhetisierung des Kinos stattfand, war dieses grundlegende ästhetische Konzept auch ein Schritt zur künstlerischen Erhöhung der besseren Yakuza-Streifen. Das Publikum mochte diese Entwicklung, und der Yakuza-Film erlangte neue Popularität.

Dieser Prozess ging einher mit einer neuen Befreiung des Kinos, die nicht nur in Asien, sondern auch in den USA und Europa ihre Spuren hinterließ. Während in Europa Kunstkino und Genrefilm mit extremen Freiheiten ausgestattet waren, entwickelte sich in den USA eine erste Bewegung hin zum New Hollywood, dem Kino gegen den klassischen, stark reglementierten Genre-Film Hollywoods. Endlich weigerten sich die Filmemacher, ihre Formeln ohne intellektuelles Hinterfragen umzusetzen und damit die Grundlage für den selbstbewussten Umgang mit Genres, den dazugehörigen Klischees und Motiven mitzugehen.

Schon in den 70er Jahren wurde diese Bewegung im Yakuza-Film wieder hinterfragt. Hintergrund war die deutliche Politisierung der Gesellschaft über die weltweite 68er-Bewegung. Die Yakuza wurden nun auch im Film als Kriminelle dargestellt, ihre romantische Schale rabiat dekonstruiert. Hier bekam der Grundkonflikt aus giri und ninjo eine ganz neue Note, wurde als Folie des Anspruches an den Yakuza genutzt, um dann die realistische Wahrheit dagegenzuhalten. Die Filme waren auch ästhetisch ganz anders aufgebaut als noch wenige Jahre zuvor. Statt auf expressive, deutlich stilisierte Bildern setzten die neuen Filme auf klare Formen, einfachen, meist sichtbar-ruppigen Schnitt und sehr körnige, in der Ausleuchtung deutlich flachere Bildern. Dabei wurde aber, entsprechend der Zeit, nicht auf einen bildtechnischen Realismus, sondern auf eine ästhetische Unterstreichung des Unmittelbaren, Brüchig-Rabiaten gesetzt. Diese Ästhetik fand sich auch in den Filmen der Zeit aus Europa und den USA wieder. Die direkte Gegenüberstellung des Gezeigten mit einer Art „moralischer Folie“ war aber genuin japanisch.

Zugleich wurde aber auch eine andere Form des Yakuza populär, eine im historischen Japan angesiedelte Figur des frühen Spielers, der sich in Zeiten des gesellschaftlichen Umbruchs weg vom Shogunat und hin zum Kaiserreich als Einzelner mit seinen eigenen Regeln gegen das Establishment setzte. Hier wurde der klassische Heldentypus als Kämpfer für die Armen aus dem Kontext der Familie gelöst. Zumeist kämpfte dieser Spieler (die Yakuza entwickelten sich aus Gruppen, die illegales Glücksspiel anboten) auch gegen andere Yakuza, um die arme Bevölkerung zu stützen. Diese Entwicklung war eng verbunden mit der des Samurai-Films, dessen ronin zu dieser Zeit auch nicht mehr moralisch wirkten, sondern über ihren extremen Zynismus hinweg dem Volke halfen, dabei aber viele Tote und verbranntes Land hinterließen.

Der aktuelle Yakuza-Film

Nach dieser Phase in den 70er Jahren verschwand der Yakuza-Film wieder aus der Kinolandschaft. Wirklich tot war er aber auch da nicht, denn im TV entwickelte sich auch das Genre weiter. Die 80er Jahre waren gekennzeichnet von einer Bewegung weg vom Kino hin zum Fernsehen. In Japan war dies besonders ausgeprägt, denn das Fernsehen bot für günstiges Geld, was das Kino bis heute nur zu teuren, für uns Deutsche kaum denkbare Eintrittspreise jenseits der 20 Euro-Marke anbietet. Das Fernsehen lieferte zudem eine schnellere und meist weit generischere Variante der bekannten Stoffe. Vor allem Serien gewannen beim nach der Arbeit häufig übermüdeten Publikum schnell an Popularität.

Dies drängte die Filme in Nischen, die zuvor für das Yakuza-Genre unbekanntes Terrain waren. Das Kino wurde mehr und mehr zu einer Werkschau von künstlerisch geprägten Filmen und einer freien Independent-Szene. Abendlange Filme, die nicht in das Schema der TV-Sender passten, wurden zu den 90er Jahren hin in eine neue Videotheken-Kultur gedrängt. Dort entwickelte der Genre-Film ein ganz neues Bild von sich selbst. Die Filme wurden extrem schnell und sehr preisgünstig gedreht. Wie im Exploitation-Kino musste der Filmemacher aber auch genaue Erwartungen des Publikums treffen. Dies führte zu einer ganz eigenen Ästhetik. Filme waren entweder vom Produzenten daran gebunden, ein spezielles Gewaltlevel oder eine bestimmte Minuten-Anzahl an Sexszenen zu beinhalten. Hielten sich die Filmemacher an diese Vorgaben, waren sie aber auch in jeder anderen Hinsicht frei, ihre Vorstellungen zu verwirklichen. Daraus entstanden höchst faszinierende Mischungen aus Softporno und Kunstfilm oder Brutalo-Kino und enigmatischem Abgesang. Letzteres war ein klassisches Feld für die Film-Yakuzas.

Die neuerliche Erweckung des Genres im Kino fand dieses Mal gar nicht erst in Japan statt, sondern zielte auf den internationalen Markt. Aktuelle ernstzunehmende Yakuza-Filme spielen nicht selten mit europäischen und amerikanischen Motiven und versuchen ihr Spiel mit den Genre-Regeln auch für Nicht-Japaner erkennbar zu machen, ohne aber die eigene Heimatwelt zu vergessen. Bis auf die für das Kino produzierten künstlerisch anspruchsvolleren Projekte ist das Yakuza-Genre entsprechend kaum noch in reiner Form zu betrachten. Vor allem die Direct-to-Video-Produktionen nutzen Motive und Klischees fast ausschließlich als Genre-Pastiche. Erstaunlicherweise werden diese Elemente in unseren Landen gerne missverstanden und mit Kino-Verarbeitungen wie denen von Quentin Tarantino gleichgesetzt. Dies ist aber auch aufgrund der produktionstechnischen Auflagen selten wirklich der Fall, auch wenn das Pastiche sich mediumsübergreifend durchgesetzt hat.

Wichtige Filme und Macher

Der bisherige Text vermied es ganz bewusst, Beispiele und Filmemacher zu erwähnen. Ich möchte dazu einladen, die Filme möglichst frei zu entdecken, auch wenn die wichtigsten Grundlagen hier aufgezeigt wurden. Aus diesem Grund soll hier nun eine in die Phasen sortierte Liste an interessanten Yakuza-Filmen zum Nachschauen einladen. Nur ein Wort noch: Die hier genannten Filme sind selten reine Genre-Vertreter. Sie sind erwähnenswerte Film, die damit zumeist weit über dem Durchschnitt der üblichen Filmkost stehen. Außerdem sind sie in Deutschland oder zumindest den USA erhältlich. Ich wüsche viel Spaß:

Filme aus der Phase der volksschützenden Yakuza

… sind leider nicht im Westen erhältlich.

Filme aus der Phase der tragischen Yakuza-Helden

Tokyo Drifter
… ist Seijun Suzukis erster großer Stil-Angriff. Der Film ist eine Mischung aus extrem freien Yakuza-Kino und dem damals populären Popsong-Genre. Hier wird der romantische Yakuza als Reisender dargestellt.

Branded to Kill
… zeigt, wohin sich die stilistisch bezogene Yakuza-Filme entwickeln können. Regisseur Seijun Suzuki lässt die Story fast außen vor und entwickelt eine surreale Tour de Force durch das Genre. Starke Einflüsse der Nouvelle Vague!

Filme mit Bezug auf die Edo-Ära

The Tale of Zatoichi
… soll hier als erster Zatoichi-Film mit Shintaro Katsu in der Hauptrolle (er sollte von 1962 bis 1989 in unzähligen Filmen und einer extrem langen Serie in die Rolle des blinden Spielers schlüpfen) für alle weiteren stehen. Zatoichi ist nämlich nicht, wie in Europa immer wieder behauptet, ein Samurai, sondern ein wandernder Spieler, der als Vorprodukt der Yakuza gesehen werden kann, vor allem der volksnahen…

Filme aus der Phase des Neuen Realismus’

Blackmail is my Life
… ist einer der wenigen frühen Filme von Kinji Fukasaku, der im Westen erhältlich ist. Der Film zeigt, wo Fukasaku seinen Stil entwickelte. Er hat eine deutliche politische Agenda, die eine “realistische” Darstellung nach europäischen Vorbild einfordert. Herausgekommen ist eine spannende Mischung, die wiederum extrem japanisch wirkt.

Battles of Honor and Humanity
… ist das erste große Meisterwerk des neuen Realismus im Yakuza-Film. Körnige Bilder treffen auf harte Gewalt, erfunden wurde der Stil von Kinji Fukasaku.

Yakuza Graveyard
… ebenfalls von Fukasaku. Ähnlich wie Battles, aber mit weiter entwickeltem visuellen Stil. Spannend und actionreich.

Filme der 90er und aktuelles Yakuza-Kino

Sonatine
… vom Genre-Wiederauferwecker Takeshi Kitano war nicht sein erster, aber sein ausgewogenster Yakuza-Film. Besonders spannend: Der Film sprüht vor leisem Humor und Ironie. Die Gang erlebt Zwangsurlaub und Strand-Spiele.

Hana-Bi
… ist wohl Kitanos bester Film, der sich mit der Bestechlichkeit der Polizei gegenüber der Yakuza beschäftigt.

Brother
… stellt Kitanos Versuch dar, dem Westen direkt davon zu erzählen, wie seine hier populären Filme deutlich missverstanden wurden. Sein Yakuza zieht in die USA und baut nach eigenem Vorbild eine Gang auf…

Zatoichi (Mein Review hier)
… ist die letzten Kitano-Empfehlung. Hier verweist er auf die andere Form von Yakuza-Filmen und drückt ihr seinen Stempel auf.

Pornostar (Mein Review hier)
… zeigt den postmodern wirkenden, nihilistischen Zugang zu Yakuzas und ihrer filmischen Darstellung. Das Regiedebut von Toshiaki Toyoda.

Monday
… von SABU ist ein gutes Beispiel für die komödiantische Darstellung des Yakuza-Lebens. Zwar stehen sie nicht im Mittelpunkt, sondern sind nur der Katalysator für die Wandlung der Hauptfigur, die Szenen sind aber das Highlight das grandiosen Films.

Full Metal Yakuza
… ist visuell eine der typischen, extrem billig produzierten Direct-to-Video-Produktionen, wie sie zu Tausenden in Japan entstanden sind. Dank Regisseur Takashi Miike ist es auch ein perfektes Beispiel, wie viel Freiheit der Regisseur dort haben kann.

Dead or Alive
… ist hierzulande einer der bekanntesten Miike-Filme und ein gutes Beispiel für die abstrusen Methoden, mit denen klassische Yakuza-Motive heute dekonstruiert werden.

Graveyard of Honor
… ist das Remake des oben genannten Fukasaku-Klassikers Battles without Honor and Humanity von Takashi Miike. Interessant nebeneinander zu betrachten, der Autor dieser Zeilen bevorzugt aber das Original.

Like a Dragon
… hat als einziger der hier genannten Filme noch kein westliches Release. Er ist aber Miikes Adaption des Videospiels Yakuza von SEGA, dessen zweiten Teil ich hier getestet habe.