Inglorious Basterds – Eine vielleicht unfaire Positionierung

Quentin Tarantino ist einer der talentiertesten Regisseure unserer Zeit. Sein neustes Werk ist wie immer perfekt geschrieben, toll inszeniert und fantastisch gespielt. Aber genau das konnten wir erwarten, ein Meisterwerk des Pastiche. Ist es unfair, sich da doch einmal etwas anderes oder gar mehr zu erhoffen?

Wenn wir uns die nun schon recht reichhaltige Rezeption zu Quentin Tarantinos großem Nazi-Epos anschauen, so scheint *Inglorious Basterds* vor allem zwei Reaktionen hervorzurufen: die einen fallen auf Tarantinos durchaus kalkulierte Provokation mit veränderter Geschichte und überdeutlicher Fiktionalisierung des Nazi-Regimes als eindimensionale Bösewichter herein und erregen sich über die Chuzpe des amerikanischen „movie mavericks“; die anderen dagegen ergötzen sich genau an diesem Umstand und Tarantinos so unglaublich stilsicherer Konstruktion von postmodernen Allgemeinplätzen. Während die einen also in einem Diskurs festhängen, der das Kino als Ort der radikalen Fiktionalisierung noch nicht erkannt hat, wenden sich die anderen in einer Heiligsprechung und Verallgemeinerung des Werks Quentin Tarantinos weit weg von dem, was eigentlich Thema einer jeden Filmkritik sein sollte: dem Film selbst und seiner Einordnung in einen filmischen und gesellschaftlichen Kontext.
Inglorious BasterdsQuentin Tarantino ist, das steht außer Frage, ein extrem talentierter Regisseur, dessen Filme allesamt und zuvorderst eine grundlegende Funktion mit Bravour erfüllen: Sie sind mächtig unterhaltsam, großartig geschrieben und klug inszeniert. Wenn wir uns also mit einem Film von Tarantino beschäftigen, dann ist dies bisher immer ein Werk, dessen hohe Qualität nicht erst bestätigt werden muss. Seine Werke sind Kino-Ereignisse, von denen so mancher, auch der Autor dieser Zeilen, nicht genug bekommen kann. In diesem Sinne ist auch *Inglorious Basterds* ein zutiefst befriedigendes Kino – oder jetzt auch auch Videoerlebnis. Aber zugleich stellt sich bei diesem Film wiederum eine Frage, die sich schon bei den restlichen Werken Tarantinos in den Vordergrund drängte: Wann endlich löst sich der Regisseur von seiner eigenen Rezeptionsgeschichte und geht einen weiteren Schritt in seiner künstlerischen Entwicklung?
Denn wir können festhalten, dass, trotz der allgemein so begeistert aufgenommenen Fiktionalisierung historischer Gegebenheiten und der Dopplung des Kinos, nicht ein Element in *Inglorious Basterds* wirklich überraschend oder neuartig wirkt. Ich will an dieser Stelle nicht in Frage stellen, ob oder wieweit die Anwendung von Genre- und Filmzitaten in Tarantinos Werk künstlerisch relevant ist. Das Kino ist zum Glück längst aus dieser Annahme entwachsen, dass realistische Figurenzeichnung und neu wirkende, sowie konsistente Erzählung auch nur irgendwo ein Anzeichen für ein qualitativ hochwertiges Werk seien. Gleichzeitig hat sich auch dieser unsägliche Kunstgedanke als Abkehr von Unterhaltung in sich selbst aufgelöst. Tarantino ist ein Meister des Samplings, des substantiellen Pastiches, und dafür muss man ihm höchste Anerkennung zollen. Seine Filme sind immer komplexe, aber in sich kohärent wirkende Gebilde, die ohne die zurückliegende Filmgeschichte nicht denkbar wären. Es war wohl auch Reiner Rother, der anhand von Titanic erstaunlich nachvollziehbar darstellen konnte, dass das aktuelle Kino in seinem einfachsten Mainstream mit solchen Komplexen arbeitet und dies durchaus clever gemacht ist. Tarantinos größte Leistung war es, diesen Prozess wie kein anderer Regisseur über die subjektiven Einflüsse und die eigene Rezeption sichtbar werden zu lassen. Doch dies hat er schon mit seinem Erstling *Reservoir Dogs* getan, und er hat es spätestens mit seinen beiden *Kill Bill*-Filmen perfektioniert. Doch wo ist der nächste Schritt oder einfach einmal der Versuch, etwas ganz anderes zu probieren?
Tarantino muss sich mit seinem Talent mit den großen Regisseuren messen lassen. Sein Name gehört für Hollywood in eine Reihe mit denen von Regisseuren wie Orson Welles, Billy Wilder, Howard Hawks, David Lean, Alfred Hitchcock, Martin Scorcese oder Steven Spielberg, um nur ein paar von ihnen zu nennen. Doch hat Tarantino noch immer einen Schritt nicht unternommen, der ihn wirklich dort integrieren würde. Alle diese Regisseure waren oder sind begnadete Erzähler, die auch häufig auf die gleichen Themen und filmische Konstruktionen zurückgegriffen haben. Doch sie hatten auch alle ihre Ausflüge in Neuland, ihre mal geglückten, mal nicht so geglückten Experimente. Wilder hatte seine Dramen und Film Noirs, Welles und Hawks sprangen zwischen den Genres oder gleich in ein eigenes Kopfkino, selbst Hitchcock hatte seine Liebe zum Horror, zum Melodram und zur Komödie, die immer wieder hervorbrach und sich mit der klassischen Suspense rieb. Aber Tarantino spielt scheinbar auf Sicherheit und unternimmt nur sanfte Versuche, sich aus seinem Stil heraus zu entwickeln. Unter der Annahme eines auteurs, dessen Bild Tarantino bewusst öffentlich inszeniert, ist er zwar ein hoch-interessanter Regisseur, aber bleibt auch irgendwo an dieser Stelle stecken.
Mächtig viele Elemente, die *Inglorious Basterds* als Qualität oder auch Vorwurf zugetragen werden, entstammen der Zitathaftigkeit des Werks. Wie schon *Kill Bill* perfektioniert der Film seine sehr aktuell wirkende Kameraarbeit mit Verweisen auf das glorreiche, alte, aber eben auch verkannte Kino. Tarantino nutzt sein Talent, um die so häufig ignorierten und verborgenen Stärken genau der Filme auszustellen, die von der Kritik und dem Publikum so gerne belächelt und missachtet werden. Wenn in *Inglorious Basterds* das Kino in seiner fiktionalen Kraft über die Realität gestellt wird, dann sind das Elemente, die schon in den italienischen Originalen eines Enzo Castellari angelegt waren, Elemente, die im europäischen Genre-Kino der 70er Jahre überhaupt gerne genutzt wurden. Es waren dreckige, meist kostengünstige Filme, die den Schauwert bewusst über eine Handlung oder Message stellten. Bei Tarantino, der schon immer den Schauwert als Mittler von Narration begriffen hat, kommen diese Aspekte des zitierten Kinos deutlicher zum Tragen. Den zweiten Weltkrieg von einer Gruppe Helden vorzeitig beenden zu lassen, das ist kein neuer Kniff, aber es ist einer, der erst über die subjektive Perspektive Tarantinos auf eben diese missachteten, dreckigen Filme an gesellschaftlicher Relevanz gewonnen hat.
Es steht außer Frage, dass *Inglorious Basterds* ein stilsicherer Film und ein kleines narratives Meisterwerk ist. Doch schon die Einteilung in Kapitel ist ein langsam abgenutztes Mittel und die so breit ausgebreiteten Szenen und Dialoge zwar toll geschrieben und brillant ausgespielt, aber eben irgendwo auch genau das, was wir von der Marke Tarantino erwarten konnten. Die politische Diskussion dagegen, ob ein Film mit so hohem Schauwert und Spaßfaktor das Thema Nationalsozialismus überhaupt aufnehmen darf, ist ebenso verfehlt, wie veraltet. Lieber sollten wir uns über eben die filmischen Werke unterhalten, die uns das Gefühl einer geschichtlichen Wahrhaftigkeit vermitteln wollen, wie zum Beispiel die Dokumentationen eines Guido Knopp auf dem ZDF, die sich über die berühmten Zeitzeugen historische Korrektheit sichern wollen.
Aber es ist auch ein meiner Meinung nach enttäuschender Umstand, dass der Regisseur Quentin Tarantino wieder auf seine Rezeption und ihre bewährte Aufbereitung setzt. So abwegig es klingen mag, vielleicht würde Tarantino ein Ausflug in die hollywoodsche Auftragsarbeit gut tun. Ein bewusstes Nebenwerk vielleicht, ein Film, bei dem er sich als Regisseur unterordnen muss. Vielleicht entdeckt er dort einen Weg, seine großen Fähigkeiten in einem neuen Kontext zu nutzen, vielleicht in einer ganz eigenen, bisher ungesehenen Art. Bis dahin verbleiben wir aber gerne bei den ganzen *Kill Bills*, *Pulp Fictions* oder eben auch *Inglorious Basterds*. Denn die Filme sind fein geschrieben und ungeheuer unterhaltsam. Es ist schon ein hohes Lob, dass genau das erwartet werden konnte.