Shunji Iwai (Portrait des Regisseurs und Interview)

Lange Jahre lag das japanische Kino brach. Nach den goldenen Jahren der 50er, in denen die Großen, Kurosawa, Ozu und Mizoguchi, den Ton angaben, folgte nur die kurze “Neue Welle” in den 70er Jahren, politisches und sexuell explizites Kino der Marke Nagasi Oshima. Doch dann kam in den 90ern ein Mann und erschuf fast im Alleingang ein neues japanisches Kino. Sein Name ist Shunji Iwai…

Lange Jahre lag das japanische Kino brach. Nach den goldenen Jahren der 50er, in denen die Großen, Kurosawa, Ozu und Mizoguchi, den Ton angaben, folgte nur die kurze “Neue Welle” in den 70er Jahren, politisches und sexuell explizites Kino der Marke Nagasi Oshima. Doch dann kam in den 90ern ein Mann und erschuf fast im Alleingang ein neues japanisches Kino. Sein Name ist Shunji Iwai…

Wie schwierig war es früher in Japan, Regisseur zu werden. Einen direkten Weg gab und gibt es nicht. Damals, in den 50ern, als das Kino noch konkurrenzlos dastand, ging es relativ einfach. Da musste man sich” nur” jahrelang als kleiner Helfer von der Bühnentechnik bis zur Regie hocharbeiten, was im Gegensatz zu Heute sehr einfach war. Heute stolpert man eher in diesen Beruf. Man macht Studenten-Filme auf Super8-Material und hofft auf einem der zahlreichen Mini-Festivals in Uni-Hallen oder Dorf-Schulen entdeckt zu werden. Dann darf man meist, je nachdem, welche Stärke man hat, über Videoclips, Werbung oder Fernsehserien bis zu seinem ersten Kinofilm hocharbeiten.

In einem Land, welches im Gegensatz zu Europa oder den USA noch immer kein Studienfach in dieser Richtung anbietet, wo es einfacher war, als gefragter Buchautor seinen eigenen Roman zu verfilmen, als direkt seinem Traum nachzugehen, ist dieser Weg recht neu. Shunji Iwai (Jahrgang 1963) war mit der Erste, der diesen Weg gehen durfte; zusammen mit Takashi Miike gilt er auch heute noch als der Mann, der den Weg der verschiedenen Regie-Formen begründet hat, der TV und Kino miteinander zu verbinden begann.

Dabei ist es Iwais größte Leistung, dass er einen Gegenpol zum fast abgestorbenen Genre-Kino setzte, einen Independent-Strang, der normalerweise nur in den USA so ausgeprägt zu finden ist. Sein Kino befreit sich von allen Genre-Fesseln, sucht seine Geschichten in unserer Zeit, bei den einfachen Menschen, die fern von der Welt der Samurais leben. Das Mystische, welches seine Filme besonders auszeichnet, sind einfache Begebenheiten. In seinem ersten Film Love Letter erzählt er von einer jungen Frau, die ihrem früh verstorbenen Lover Briefe schreibt und schließlich sogar Antwort bekommt, was aber weniger überirdische Gründe hat, als man denken mag. In seinem märchenhaften Film Picnic erzählt er von einer Gruppe “Geisteskranker”, die auf einer Mauer entlang zum Meer wandern, um von dort aus den Sonnen- und vermeintlichen Weltuntergang zu beobachten. Zu guter letzt wirkt auch sein Endzeit-Drama Swallowtail Butterfly ganz ohne Raumschiffe, Future-Designs oder -Waffen wie eine Geschichte aus dem Hier.

Es ist kaum verwunderlich, dass gerade Chara, eine der düstereren Rock-Ikonen Japans, immer wieder in seinen Filmen auftaucht. Seine Filme sind gezeichnet von der Zeit bei MTV, weniger durch den hektischen Schnitt, als durch die Stilisierung der Bilder und den Einsatz von Musik. Iwai lernte sein Handwerk ausgiebig, seine Filme sind immer auf einem schmalen Steg zwischen experimentellem Einsatz von Technik und klar strukturierter Erzählweise balancierend gedreht. So schafft er sich Freiräume, wie auch durch seine andauernde Arbeit beim Fernsehen, die ihm den Rücken finanziell freihält, denn ein Kino fern der Genres ist immer ein schwieriges Unterfangen, da man sein Publikum nicht fest planen kann. TV-Kanäle finanzieren ihm so aber seine Filme, für die er im Gegenzug immer wieder Prestige-TV-Filme dreht oder auch mal auf die Schnelle ein dorama (jap. TV-Melodrama) in Szene setzt. Auch hier war Iwai ein Vorreiter, heute ist dies für japanische Regisseure durchaus üblich. Das japanische Kino sähe nicht nur ganz anders aus, das Weltkino wäre ohne diesen Mann, der für die ganze japanische Regie-Generation als Rollenmodell dienen kann, um einiges langweiliger.

Interview

Das Interview fand anlässlich der Berlinale 2002 statt, als Iwai seinen Film All about Lily Chou-Chou vorstellte.

Knut Brockmann: Herr Iwai, lange Zeit war es relativ ruhig in Japan. Nach den goldenen Jahren unter Kurosawa, Ozu und Mizogushi entwickelte sich ja das japanische Kino in der Art, dass der inländische Mainstream eher für die Kunstfilmtheater in den USA und Europa produziert wurden, im eigenen Land aber in leeren Kinos liefen. Wie schätzen Sie, der Sie ja im neuen japanischen Independent-Kino arbeiten, die heutige Situation des japanischen Filmmarktes ein?

Shunji Iwai: Nun, es ist schwierig, diese Frage zu beantworten. Die Art und Weise, wie der eigene Kinomarkt, wie die gesamte inländische Film-Szene betrachtet wird, ist ja sehr unterschiedlich zu dem, wie er von außen aufgefasst wird. Ich persönlich erlebe es so, dass ich gut mit meinem Publikum interagieren konnte. Ich wurde dazu befähigt, meine Karriere bis zum jetzigen Status aufzubauen. Das jedenfalls ist mein persönlicher Eindruck.

Knut Brockmann: Der Filmkritiker Mark Shilling (Japan-Times) hat Sie mal als den Begründer oder auch König der “neuen Neuen Welle” in Japan beschrieben. Damit wurden Sie in eine ähnliche Position gerückt, wie Nagasi OSHIMA sie in den 60er Jahren eingenommen hat. Fühlen Sie Ihre Arbeit damit gut umschrieben?

Shunji Iwai: Als Filmemacher habe ich gar keine Zeit, über solche Dinge nachzudenken. Alles was ich mache, ist meine Filme zu drehen. Dabei versuche ich immer, meinen letzten Film zu übertrumpfen. Damit habe ich zu Genüge zu tun, ob ich nun eine neue Bewegung im Film erschaffen habe, ist mir dabei ziemlich egal. Ich will nur meine Filme machen.

Knut Brockmann: Aufgrund Ihrer Vergangenheit als Regisseur von Musikclips für Sender wie MTV-Japan halten viele Sie für sehr stark von dieser Filmart beeinflusst, auch bei Ihren Kinofilmen. Sie haben auch wirklich eine sehr selbstbewusste Ästhetik in Ihren Filmen. Wie bewerten Sie Ästhetik? Wie viel wird bei Ihnen dadurch erzählt?

Shunji Iwai: Es war gut, dass ich viel für MTV arbeiten konnte, denn das gibt einem sehr viel Sicherheit. Es ist zudem ein sehr gutes Training. Aber wenn man für MTV arbeitet, dann ist die Musik immer da, sie ist der alles überspannende Faktor, um den sich alles dreht. Ich habe zwar viel herumexperimentiert und versucht, auch Geräusche oder Dialog unterzubringen, aber im Grunde geht das nicht. Also ist da immer die Musik und man versucht dem nur über das Visuelle eine Geschichte zu erzählen und sich darüber mitzuteilen. Das war ein sehr gutes Training, um die visuelle Komponente des Filmens zu lernen. Ich habe aber festgestellt, dass ich da nicht mit Soundeffekten oder Dialog umzugehen lernte, also achtete ich darauf, diesen Aspekt auch zu lernen. Man muss immer das ganze Spektrum lernen.

Deshalb bin ich dann auch zu dorama (Anm.: jap. Soap Operas, Fernsehmelodramen) übergewechselt, weil man da lernt, mit Ton umzugehen. Wenn man mich über meine Filme befragt, dann werde ich meist über meine Ideen (“sensibilitiy”) befragt, Film hat aber auch extrem viel mit Handwerk zu tun, welches man erlernen muss.

Knut Brockmann: Viele Ihrer Filme setzen sich ja mit klassischen japanischen Themen auseinander, wie zum Beispiel Swallowtail Butterfly mit der Einwanderung in Japan. Dies geht bei einer ausländischen Zuschauerschaft natürlich verloren. Wie weit denken Sie, werden Ihre Filme überhaupt hier verstanden?

Shunji Iwai: Gerade bei Swallowtail Butterfly: Sagen wir mal, das deutsche Publikum hat ca. 80% davon verstanden. Das gilt hierbei genauso für das japanische Publikum. Das ist es ja gerade bei diesem Film. Das mit den Immigranten ist ja schon fast so wie eine Lüge (Anm.: Natürlich ist die Ausländer-Diskussion ein bekanntes Problem Japans, der Film spinnt es aber zu einer zukünftigen krassen Zweiklassengesellschaft weiter). Wenn wir Japaner einen japanischen Film sehen, verstehen wir ihn normalerweise zu 100%.

Wenn wir einen europäischen oder amerikanischen sehen, dann zu ca. 80%. Bei Swallowtail ist es nun so, dass auch Japaner allenfalls 80% wirklich verstehen. Der Film wurde zu einer Zeit gedreht, als es dem japanischen Film wirklich nicht sehr gut ging (obwohl ich mir nicht sicher bin, ob es seitdem überhaupt besser wurde … ). Zu dieser Zeit war der Filmmarkt auch in Japan sehr stark von amerikanischen Filmen dominiert, wo die Zuschauer eben nicht alles verstanden. Und so wurde auch Swallowtail gemacht, um mit genau diesen Faktoren zu spielen.

Deshalb denke ich auch nicht, dass es bei dem Verständnis meiner Filme, meiner Geschichten einen wirklichen Unterschied zwischen japanischen oder internationalen Zuschauern gibt. Ich versuche alle meine Filme so zu machen, dass man nicht alles verstehen kann. Es sind diese 20%, die dem Zuschauer die Möglichkeit geben, seine eigene Fantasie zu aktivieren. Sie geben Raum für eigene Gedanken. Und wenn Sie sich einen ausländischen Film anschauen und ihn nicht vollkommen verstehen, dann wirkt er vielleicht umso exotischer und weckt Ihr Interesse in ein Land. In gewisser Weise bringt Sie dies hinter den Film, wie eine Erweiterung Ihrer Welt durch das Anschauen des Films. Und das macht Kino so wundervoll. Es ist also vollkommen OK, wenn Sie nicht alles verstehen, Sie können Ihrer Fantasie freien Lauf lassen.

Knut Brockmann: Eine Frage, die einem zwangsläufig kommt, wenn man sich mit jüngeren Indie-Filmen aus Japan auseinandersetzt, ist der Umgang mit Gewalt. Obwohl die meisten Filme eine sehr ruhige Atmosphäre ausstrahlen, bricht urplötzlich extrem harte Gewalt ein. Bei Ihren Filmen ist dies auch so. In Swallowtail Butterfly bricht sie gegen Ende bei einem Schusswechsel im Auto heraus, bei Picnic (Anm.: einem früheren Film von Iwai) ist am Ende eine verstörende Szene zu finden, bei der sich ein junger Mann seinen Hals bricht und versucht in meiner traumartigen Musik im Hintergrund ihn wieder “einzurenken”. Bei anderen Regisseuren ist das genauso. Ist dies ein typischer Weg, sich auszudrücken?

Shunii Iwai: Als erstes möchte ich erwähnen, dass ich nicht besonders darauf achte, die Filme anderer Filmemacher zu beobachten. Ich mache meine eigenen Filme und denke nicht darüber nach, was sonst so geschieht. Natürlich kann es eine Linie im aktuellen japanischen Film sein, vielleicht auch ein Element, dass sich durch die gesamte japanische Filmgeschichte zieht. Ich will da wirklich nicht näher drüber nachdenken. Als ich Ihre Frage hörte, musste ich an eine bestimmte Szene aus einem frühen Kurosawa denken, einer Shootout-Szene im Wald. Dort hat der Kriminelle eine Waffe, die er auf den Cop richtet, der unbewaffnet ist. Dabei ist der Polizist ein starker Charakter, der Kriminelle nur eine schwache Figur. Dieser hat aber die Waffe. Was auffällt, ist, dass im Hintergrund eine sehr ruhige und freundliche Klavier-Musik läuft. Sie sehen also, diese Szene stammt aus einem ziemlich alten Film, einem Frühwerk von Akira Kurosawa. Ich glaube aber nicht, dass wir deshalb eine Tradition in dieser Hinsicht haben. Ebenso wenig im aktuellen japanischen Film. Ich glaube nicht einmal, dass es eine besonders japanische Form kinematographischen Ausdrucks ist.

Knut Brockmann: Ist Ihr Filmstil durch Manga und Anime beeinflußt? Wenn ja, inwiefern?

Shunji Iwai: Ja, recht stark sogar. Als ich ein Kind war, wollte ich sogar Mangaka werden!

Knut Brockmann: Welche Zeichner haben Sie besonders beeindruckt und vielleicht auch beeinflusst?

Shunji Iwai: Ehrlich gesagt, haben mich sehr viele Zeichner beeinflusst. Unter den momentan Aktiven zum Beispiel Takehiko Inoue, dem Zeichner von ‘. Dann noch Sanpei Shirato. Er ist vielleicht in Deutschland noch nicht so bekannt, aber ich verehre ihn besonders, und er hat mich auch sehr stark beeinflusst. Alleine durch seine extrem breite und große Erzählweise, wie er in der Natur bei den Tieren beginnt, dann zu den Menschen wechselt und wieder zurück. Es ist, als ob ein Gott eine Geschichte erzählen würde, alleine dieser riesige Überblick. Vor dieser Dimension des Geschichten-Erzählens habe ich besonderen Respekt.

Knut Brockmann: Und was halten Sie von Hayao Miyazaki (Anm.: dessen neuer Film auf der Berlinale im Wettbewerb lief)?

Shunji Iwai: Er ist ein großer Geschichtenerzähler. Aber ich bevorzuge eigentlich Miyazaki-Sans früheren Werke, nicht die neueren. Die alten sind einfach unglaublich. Damals war er noch nicht international bekannt. Ich halte diese für ein wirklich unschlagbare Werke großer Kunst.

Knut Brockmann: Herr Iwai, vielen Dank für das tolle Gespräch.